01.08.2017 / Allgemein / /

1. August-Rede Frick – Grossrat Andre Rotzetter, Buchs

Die Einladung zur 1. Augustfeier in Frick hat mich gefreut und ich habe sie gerne angenommen. Meine Festrede ist eine persönliche Annäherung zum Thema Heimat und lädt Sie ein, sich eigene Gedanken dazu zu machen.
Es ist Ferienzeit und viele in der Schweiz lebenden packt das Fernweh. Auch mein Sohn packt jährlich das Fernweh und er geht dann für mehrere Wochen an die abgelegensten Ecken der Welt. Davon erzählt er nach seiner Rückreise als Rapper Massai und seine Videos zeigen wunderschöne Naturbilder und eine faszinierende Tierwelt. Selber habe ich das Fernweh weniger, bin aber trotzdem ab und zu gerne im Ausland. Auf dem Heimweg beobachte ich bei mir jeweils ein eigenartiges Gefühl. Sobald ich die Grenze zur Schweiz überschreite entsteht eine Entspannung und ich fühle mich gut, ja, wieder daheim.

Aber wo sind wir wirklich daheim? Haben Sie sich die Frage schon einmal gestellt? Das Thema ist topp aktuell. Ob in der Ausstellung Heimat in Lenzburg, in der Mode oder in aktuellen Liedern wird Heimat thematisiert. Mir scheint das in Anbetracht der rasanten technischen Entwicklung und der Globalisierung nicht verwunderlich. Schweizer sind global unterwegs aber regional verankert. Ein Daheim gibt eben das Gefühl von Sicherheit. Wie entsteht ein Heimatgefühl?

Ich lade Sie nun auf eine kleine Reise zu meiner persönlichen Heimat ein. Das Symbol meiner ganz persönlichen Heimat ist eine Alp im Freiburgischen. Über Generationen haben dort meine Vorfahren gehirtet. Auf dieser Alp steht auf einer Anhöhe das Rotzetter- Kreuz. Dort feiert meine Familie einmal im Jahr einen Alpgottesdienst, an dem ich gerne teilnehme. Meistens werde ich dabei nachdenklich und sentimental, denn die Geschichten meiner Eltern und Grosseltern kommen mir dann in den Sinn; die bittere Armut und das harte Leben, das sie führten. Diese Verhältnisse können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Meine Mutter sagt heute mit 101 Jahren nicht mehr viel. Aber immer wieder sagt sie ein Spruch, der so anfängt: Not bricht Eisen, das kann ich euch beweisen. Eine Geschichte, die mir besonders viel bedeutet, ist die Heimatverbundenheit meines Vaters. Mein Vater war tief im Herzen ein Hirt. Doch die Not hat ihn von der Alp vertrieben. Als Grenzwächter verdiente er schliesslich Geld und konnte so seiner Ursprungsfamilie ein Leben ohne Hunger ermöglichen. Ein Erinnerungsfoto zeigt ihn auf der Brücke in Laufenburg. Aber seine Sehnsucht nach der Heimat, also nach dieser Alp, war sehr gross. Deshalb gingen wir als Familie, wenn immer möglich, auf die Alp und halfen unseren Onkeln beim Hirten. So kam es, dass ich die ersten sieben Sommer meines Lebens auf dieser Alp lebte. Dies hat mich geprägt. Noch heute spüre ich die Prägung dieser Alp in meiner Einstellung zum Leben und zu politischen Fragen.

Nebst den Geschichten meiner Vorfahren ist mir beim einem Alpgottesdienst vor paar Jahren noch ein zweiter Gedanke zu Heimat gekommen: Ein Gedicht des Philosophen Carl Peter Fröhling(*1933) bringt diesen Gedanken auf den Punkt:
Der Vogel kehrt zurück, sucht sein altes Nest und findet es wieder. Der Mensch aber kehrt zurück, erblickt sein Vaterhaus und findet nicht mehr heim.
Trotz der Erinnerungen an meine frühe Kindheit, fühle ich mich heute auf dieser Alp irgendwie fremd. Im Alter von 20 Jahren habe ich meine Heimat verlassen, um zu studieren. Die Menschen, die heute auf der Alp wohnen, sind keine Rotzetters mehr. Ich kenne sie nur vom Sehen her. Dass dieser Ort für mich gleichzeitig Heimat und Fremdheit ist, zeigt mir, dass es mit der Heimat nicht so einfach ist.
Das Heimatgefühl ist nicht nur an den Ort gebunden, an dem ein Mensch geboren wird und wo er die frühen Kindheitserfahrungen macht. Das Heimatgefühl entwickelt sich im Verlauf des Lebens weiter. Eins, das sie mit der Herkunft des Vaters oder der Mutters verbindet. Ein anderes, das sich mit dem heutigen Leben verbindet. Und verlässt jemand seine erste Heimat nicht freiwillig, entwickelt er und die nachkommende Generation ein spezielles Gefühl zu diesem Ort. Dies konnte ich bei meinem Vater und bei mir miterleben.

Heute fühle ich mich im Aargau daheim. Ich habe mir in Buchs mein Haus so gestaltet, dass es mir wohl ist. Vor allem der Garten trägt dazu bei, weil er eine Wildheit ausstrahlt, die ich liebe. In ihm fühle ich mich so richtig Draussen zu Hause. Mehr noch als der Ort, sind es aber die Menschen, die mir Heimat vermitteln. Meine Frau, meine Kinder, die Freunde und Nachbarn. Auch mein berufliches Umfeld stellt für mich ein Stück Heimat dar. Ich verbringe viel Zeit im Fricktal. Das führt dazu, dass ich mich mit dem Fricktal identifiziere und mit den Menschen verbunden fühle.

Heimat entsteht durch Gefühle, die ich entwickle zu Orten und Menschen. Es ist eine Herzensangelegenheit, für die ich bereit bin, mich zu engagieren. Heimat ist nicht etwas, was ich besitze, sondern etwas, das ich gestalte und lebenswert mache.

Heimat ist eben nicht statisch, sondern ein permanenter innerer Prozess. Dieser Prozess dauert ein Leben lang. Der Dichter Robert Kross beschreibt diesen Prozess so:

Heimat ist nicht nur ein Wort
Heimat das bist Du und ich
Heimat ist nicht nur ein Ort
Heimat die ist innerlich
Heimat ist stets wo ich bin,
Schlägt in meinem Herzen
Heimat ist des Leben’s Sinn;
Nicht ein Land mit Grenzen
Heimat ist woher ich kam; Und wohin ich gehe
Heimat ist nicht fern noch nah
Heimat ist ganz einfach Leben;
Grenzenlos und unbeschwert
Ist der inner’n Stimme; Beben
Das Gewissen das man hört
Seele ist die Heimat allen Lebens
Dieses sag‘ ich unumwunden
Alles Suchen ist vergebens
Hat man Heimat nicht in sich gefunden

Was aber macht ein Land zur Heimat?

Der Sänger George singt: Uf dr angere Syte vor Wäut, mues me si, das me weiss, dases Deheime eim a nütem fäut.

Auch George bringt es auf den Punkt. Wir leben in einem wunderbaren Land in dem uns heute an nichts fehlt. Wieso ist das so? Neben dem seit Generationen herrschenden Frieden und unserer Arbeitskultur spielt aus meiner Sicht noch etwas anderes eine Rolle. Wir haben eine einmalige politische Kultur entwickelt und haben eine stabile Zivilgesellschaft aufgebaut. Zudem binden wir seit Generationen Andersdenkende und Minderheiten ein und gehen respektvoll mit ihnen um.

Was ich damit konkret meine, kann ich anhand einer Anekdote mit meinem Vater verdeutlichen. In jungen Jahren war ich ein politischer Hitzkopf und es kam deshalb öfters mit meinem Vater zu heftigen Auseinandersetzungen. Einmal war wieder ein Abstimmungswochenende und ich hatte wieder verloren. Ich zeigte meine Enttäuschung und meinte, dass es ja nichts nützt sich zu engagieren. Da sagte mir mein Vater: Wir leben nicht in der Diktatur der Mehrheit. Es ist zentral wie das Ergebnis ausfällt. Je nachdem werden die Gesetze und Verordnungen ausgestaltet und die Anliegen der Minderheit miteinbezogen.
Ja, die Schweiz ist eine Willensnation und wir müssen dafür sorgen, dass der Grossteil der Bevölkerung, auch Minderheiten und Andersdenkende, berücksichtigt werden. Nur so erhalten wir den sozialen Frieden. Wenn ich heute unser politisches Gehabe und die politische Berichterstattung verfolge, habe ich manchmal das Gefühl, wir seien auf dem besten Weg diese Kultur aufzugeben.

Schweizer-Sein hat für mich nicht so viel mit einem roten Pass zu tun, wegen dem mir Privilegien zustehen, sondern damit, wie stark der Einzelne sich mit der Schweiz identifiziert und zu einem guten Leben für alle beiträgt.

Hier in Frick erlebe ich viele Menschen, die bereit sind sich in Vereinen, in der Nachbarschaft oder für die Allgemeinheit zu engagieren. Zum Beispiel beim Strassenfest. Ich staune immer, wie das Fest – wie aus Zauberhand – aufgebaut und abgebaut wird. So etwas macht ein Dorf lebenswert und schafft Heimat. Auch heute sind wieder viele Leute im Hintergrund am Arbeiten. Dies ist ein Teil dieser wunderbaren Zivilgesellschaft Schweiz. Ihnen gilt ein herzliches Dankeschön.

Feiern wir heute zusammen in Frick die Schweiz und vergessen dabei nicht: Die zentrale Frage ist nicht, was bietet mir Frick, der Aargau, die Schweiz, sondern was kann ich für Frick, den Aargau, die Schweiz tun.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Nationalfeiertag.